Es ist mal wieder so weit: Tausende von Radprofis strampeln durch Frankreich. Eine beeindruckende Leistung, doch wieder ist die Veranstaltung überschattet vom Thema „Doping“. Schade für den Radsport. War früher alles besser? Oder hat man mangels geeigneter Testmethoden nur nicht gewußt, mit was für Mitteln die schnellen Jungs im Sattel so fit und ausdauernd waren? Klar, wer mit seinem Rennrad diese enormen Strecken bewältigt, bei Bergetappen auch noch erhebliche Steigungen erklimmen muss, der braucht schon eine fast übermenschliche Kondition. Ist es wirklich im Sinne der Sportler und ihrer Fans, wenn sich dabei die Grenzen des Machbaren immer weiter nach vorn verschieben?

Nur zwei der Gewinner der letzten zehn Jahre, Carlos Sastre und Greg LeMond, gelten in diesem Sinne als „völlig unbefleckt“, will heißen: Sie standen bislang weder unter Verdacht, verbotene Substanzen verwendet zu haben, noch wurden sie je wegen entsprechender Vergehen belangt. Damit sind die „Guten“ eindeutig in der Minderheit. Ein Zeichen dafür, dass im Radsport gründlich aufgeräumt werden muss. Die Prüfungen gleichen dem Wettlauf zwischen Hase und Igel. Gelingt es, eine Substanz nachzuweisen, dann gibt es bald eine andere, deren Nachweis noch nicht möglich ist. Viele Dopingsünden lassen sich auch nur innerhalb eines eng begrenzten Zeitraums ermitteln. Ist diese Frist abgelaufen, hat der Kandidat wieder eine „weiße Weste“. Die Trickserei, welche Mittel verabreicht werden können und was wie lange nachweisbar ist, hat sich mit den Jahren zu einer regelrechten Wissenschaft entwickelt. Die erfahrensten Sportmediziner dieses Sektors wurden bei den großen Rennställen unter der Hand empfohlen. Oft fällt in diesem Zusammenhang der Name Eufemiano Fuentes. So auch in Verbindung mit dem deutschen Radprofi Jan Ullrich.

Der dreimalige Toursieger Alberto Contador erklärt einen positiven Clenbuterol-Test mit dem Verzehr belasteten Fleisches. Oft geht es also um winzigste Mengen bestimmter Substanzen und so lässt sich darüber streiten, ob diese Spuren auch ohne bewußte Manipulation in den Körper gelangt sein könnten. Bei Landis konnte Testosteron-Doping nachgewiesen werden. Lance Armstrong und Marco Pantani werden mit EPO assoziiert. Der Däne Bjarne Riis hat den Einsatz von EPO und von Wachstumshormonen im Nachhinein sogar selbst eingeräumt.

Es gibt natürlich auch bei Radprofis Fälle, in denen die Einnahme bestimmter Medikamente aufgrund von Erkrankungen oder Allergien angezeigt ist. So verwendete beispielsweise der Spanier Oscar Pereiro ein Asthma-Präparat. Miguel Indurain verwendete Salbutamol-Spray, ebenfalls auf Basis ärztlicher Verschreibung. Stets führt so etwas zu Diskussionen darüber, ob es sich einfach um eine medizinische Notwendigkeit handelt oder ob ein solches Medikament gleichzeitig leistungssteigernd wirkt. Beide Bereiche gehen oft nahtlos ineinander über. Um die Sache noch komplizierter zu machen, ist es allein mit dem Nachweis verbotener Doping-Substanzen nicht getan. Daneben gibt es nämlich auch noch verschleiernde Mittel, beispielsweise Probenicid, deren Einnahme den Gebrauch von leistungssteigernden Präparaten überdecken oder deren Nachweisbarkeit neutralisieren kann, um die Fahnder in die Irre zu führen.

Der Radsport ist über die Jahre zum bevorzugten Testlabor für Präparate und Verfahren geworden. Dabei wurde alles ausgereizt, was der Arzneischrank zu bieten hatte. Weder dem Sport, noch den Sportlern ist damit gedient. Es ist höchste Zeit, zu den Wurzeln zurückzukehren.