Wer schon mal ein Harley Davidson Treffen besucht hat, kennt das Phänomen: Keine Maschine gleicht der anderen. Jeder schraubt, gestaltet, frisiert und lackiert so lange, bis sein Ofen von allen anderen unverwechselbar ist. Obwohl es der Basisversion ab Werk wirklich an nichts fehlt, kommt man als echter Harley-Fan einfach nicht darum herum: Einige persönliche Akzente müssen einfach sein. Da wird verchromt, vergoldet und poliert. Manche Airbrush-Lackierung ist so extravagant, dass sie einer Kunstausstellung würdig wäre. Und eigentlich wird man nie fertig. Es gibt immer noch etwas zu verbessern.

 

Das war schon immer so und hat mit den Jahren zu einer ungeheuren Vielfalt geführt. Wär‘ ja auch langweilig, wenn alle Harleys gleich aussehen würden. Profi-Tüftler sind  fester Bestandteil der Szene. Gute Veredelungs-Spezialisten werden unter Brüdern als  Geheimtipps gehandelt und sind lange im voraus ausgebucht.

 

Was Harley-Fahrern recht ist, kann Selbsttretern nur billig sein. Wer sein Fahrrad liebt, der hat eine ganz klare Vorstellung von seinem Ideal. Und oft gibt es genau diese Ausführung oder gerade diese Zusammenstellung gewünschter Einzelkomponenten so nicht fertig im Handel. Dann schlägt die Stunde der Handarbeiter.

 

Customizing nennt sich diese Sparte, die davon lebt, Sonderwünsche in die Tat umzusetzen. „To customize“ bedeutet maßgerecht zuzuschneiden, nach den Vorstellungen des Kunden zu individualisieren. Und das verlangen immer mehr Menschen auch bei ihrem geliebten Drahtesel.

 

Offenbar ist bei Rahmenbau, Komponenten und Lackierungen noch genug Luft, um Entscheidendes besser zu machen. Das bringt einerseits die gewünschte individuelle Ästhetik. Andererseits ist durch edelste Materialien noch ein wenig Gewichtsersparnis und damit noch der eine oder andere Stundenkilometer an Geschwindigkeit herauszukitzeln. Einzigartigkeit zählt; in bestimmten Gruppen kann man mit einem Top-Fahrrad weit mehr Eindruck schinden, als mit so manchem Sportwagen.

 

Velo-Manufakturen nehmen erst einmal Maß, anstatt den Kunden auf einen profanen Großserienrahmen zu setzen. Auf einer Fachmesse, der „North American Hand Made Bicycle Show“ treffen sich die Könner ihres Faches und tauschen sich untereinander aus. Für dieses Jahr haben sich schon mehr als 170 Aussteller akkreditiert. Und viele davon haben bereits extrem ausgefallene Konstruktionen abgeliefert. Das beginnt schon bei den verarbeiteten Materialien: Neben Aluminium und dem Hightech Werkstoff Carbon sind manche Exoten sogar aus Titan, Holz oder gar Bambus gefertigt.

 

In den Vereinigten Staaten gilt Portland als Zentrum individuellen Fahrradbaus. Auch in Deutschland wächst die Zahl der Anbieter. Mit besten Zutaten und genug Zeit ist technologisch viel machbar. Zum Beispiel ein kompletter Carbonrahmen, der weniger als ein Kilo wiegt. Vielfach geht es auch einfach darum, bewährte und beliebte Designs aus alter Zeit wieder aufleben zu lassen und einst bewährte Materialien wieder einzusetzen. Junge Leute können zum Beispiel kaum noch ermessen, wie bequem man auf breiten Sätteln aus echtem Leder saß.

 

„Geht nicht, gibt’s nicht“, lautet die Devise. Machbar ist alles. Klar, Individualität hat ihren Preis. Doch immer mehr Biker sind bereit, den auch zu zahlen.