„Nanu, wie sieht das denn aus?“ Das ist die übliche Reaktion der Meisten. Auf den ersten Blick mag man kaum glauben, dass man es mit einem echten Fahrrad zu tun hat, so ungewohnt mutet die Optik an. Hier scheint vieles nicht dort zu sitzen, wo es gewöhnlich hingehört. Der Rahmen zieht sich vor dem Fahrer bis in Brusthöhe hinauf, ein total verrücktes Bild. Zwar finden sich die Reifen, das Tretlager und der Lenker dort, wo man sie vermutet. Dennoch wirkt die ungewöhnliche Rahmengeometrie wie aus einer anderen Welt.

 

Auffällig ist vor allem die Aufhängung des Sattels: Er befindet sich zwar mit seinem hinteren Ende nahe der Sattelstütze, nach vorn ist er jedoch mit einem langen Gurt am höchsten Punkt des Rahmens, nahe am Lenkrohr aufgehängt. Nach hinten ist er beidseitig zusätzlich mit Drähten gespannt. Diese elastische Verspannung hat etwas von einer Hängematte. Wer diese Sitzposition einmal ausprobiert hat, beschreibt sie als äußerst bequem. Denn sie bietet ein Höchstmaß an Federung und damit besten Sitzkomfort.

 

Offenbar eine ganz neue Konstruktion, sollte man denken. Da hat bestimmt wieder ein Tüftler was Extremes ausprobiert. Irrtum: Das Pedersen Fahrrad ist ein echter Oldtimer. Schon im 19. Jahrhundert ersann der Däne Mikael Pedersen diese außergewöhnliche Konstruktion. Ihm waren die damals üblichen Fahrräder einfach zu unbequem. Um das zu verbessern, musste vor allem der Sattel besser aufgehängt werden. Und so ging bei Pedersen die gesamte Planung vom Sattel aus. Bei Pedersen war der noch geflochten, heute verwendet man Ledersättel. Durch die hängemattenartige Aufhängung per Gurt nach vorn und mit einer besonderen Verspannung nach hinten, kann der Sattel auch seitwärts schwingen. Wenn man sich daran erst einmal gewöhnt hat, ist das beim wechselseitigen Treten der Pedale eine sehr angenehme Sitzposition.

 

Die Geometrie des Rahmens hat Mikael Pedersen so geschickt gewählt, dass er schon mit sehr dünnen Rohren eine gute Kraftverteilung erzielte und ein für die damalige Zeit enorm leichtes Fahrrad bauen konnte. 1893 wurde die Konstruktion in England zum Patent angemeldet, ein Jahr danach auch in Deutschland. Zwischen 1893 und 1920 wurden diese Fahrräder in Pedersens eigener Werkstatt im britischen Dursley, in der Grafschaft Gloucestershire im Südwesten Englands hergestellt. Deshalb nennt man diesen Typ unter Fahrradhistorikern oftmals auch „Dursley-Pedersen“.

 

Einen Pedersen Rahmen herzustellen, erfordert viel Sorgfalt, da der Rahmen über zahlreiche Kontaktpunkte verfügt, die penibel gelötet werden müssen. Mittlerweile sind wieder Nachbauten, vorwiegend aus Dänemark und aus Deutschland erhältlich. Die Komplexität der Herstellung und die kleinen Stückzahlen führen jedoch, verglichen mit konventionellen Fahrrädern, zu höheren Preisen. Das ist die Sache Liebhabern aber allemal wert. Da es sich in der Regel um Einzelbestellungen handelt, können individuelle Kundenwünsche berücksichtigt werden. Es gibt verschiedene Rahmenhöhen zur Auswahl und sogar Pedersen-Tandems wurden schon gebaut.