Im Verkehr ernten sie ungläubiges Staunen. Doch das ficht die Liegeradler nicht an. Sie scheinen sich auf ihrem Gefährt äußerst wohl zu fühlen. Kann man in einer solchen Position das Gleichgewicht halten? „Es braucht zwar ein wenig Gewöhnung, aber dann funktioniert es hervorragend“, erklärt ein überzeugter Fan. Er schätzt vor allem die ermüdungsfreie, gesunde Sitzposition, in der die Kraft der Beine optimal zum Vortrieb eingesetzt werden kann.

 

Der Fahrer nimmt hier nicht auf einem Sattel, sondern in einem Schalensitz oder einem Netz Platz. Bestimmte Typen werden, aufgrund ihres komfortablen Sitzplatzes, sogar als Sesselrad bezeichnet. Die Sitzposition ist stark nach hinten geneigt, ähnlich bequem wie daheim im Fernsehsessel. Die Pedale befinden sich nicht unter, sondern vor dem Fahrer. Das kann auf den ersten Blick schon recht skurril anmuten. Je nach Sitzposition und Tretlageranordnung unterscheiden Fachleute zwischen Kurzliegern, Tiefliegern und Scootern.

 

Gelenkt wird entweder vor dem Oberkörper oder unter, beziehungsweise neben der Sitzschale. Besonders diese neue Art der Lenkung ist für viele zunächst äußerst gewöhnungsbedürftig. Beim Überfahren von Unebenheiten ist eine Entlastung durch den Körper kaum möglich, so dass das Liegerad auf einen weitgehend ebenen Untergrund angewiesen ist. Ein Überfahren von Kantsteinen ist im Gegensatz zu konventionellen Fahrrädern kaum möglich. Durch die weit vorne angebrachten Pedale brauchen Liegeräder eine besonders lange Kette, die gut geschützt sein muss, damit sich keine Textilien verfangen. Eine besondere Herausforderung ist die Mitnahme von Gepäck, weil keine klassischen Gepäckträger montiert werden können und der liegende Fahrer auch keinen Rucksack auf dem Rücken tragen kann. Auch am Lenker läßt sich kein Körbchen anbringen. So ist man auf individuelle Sonderlösungen angewiesen.

 

Aerodynamisch ist man mit dem Liegerad einem klassischen Fahrrad deutlich überlegen. Der Windwiderstand ist erheblich geringer. Liegeräder mit zusätzlicher Rennverkleidung – in Fachkreisen heißen sie Speedbikes – haben schon viele beeindruckende Geschwindigkeitsrekorde erzielt. Auf Kurzstrecken sind Geschwindigkeiten von mehr als 100 km/h durchaus keine Ausnahme. Selbst bei Langstrecken sind Dauergeschwindigkeiten von mehr als 50 km/h möglich. Durch die tiefe Bauform der Liegeräder könnten sie im Straßenverkehr leicht einmal übersehen werden. Deshalb tragen viele einen leuchtenden Wimpel an einer hoch aufragenden Stange.

 

Eine Sonderform sind die Liegedreiräder. Ihr Vorteil: Sie können nicht umkippen, sind aber dafür deutlich breiter. Ein wichtiger Sicherheitsaspekt, denn gerät ein Liegerad erst einmal aus dem Gleichgewicht, ist es nur schwer möglich, es durch Gewichtsverlagerung wieder zu stabilisieren. Eine weitere Besonderheit sind Liegetandems, auf denen man sich sogar gemeinsam in die Liegeposition begeben kann. Eine ganz seltene Abart sind Bauchlieger. Wie der Name schon sagt, liegt der Fahrer hier auf dem Bauch in nahezu waagerechter Position. Der Windwiderstand ist dabei äußerst gering, so dass recht hohe Geschwindigkeiten erreichbar sind. Ob diese Position allerdings für längere Fahrten als bequem genug empfunden wird, hängt vom Fahrer ab.

 

Auch bei modernen Fahrrad Rikschas hat man sich die Vorteile der günstigen Kraftverteilung nutzbar gemacht. In diesen Strampel-Taxis befindet sich der Fahrer vor den Fahrgästen in halb liegender Position und tritt so effektiver in die Pedale, als er das aufrecht sitzend könnte.